Zehn Minuten pro Tag reichen aus, um den Körper in Form zu halten - wenn Sie sich an das Programm der stern-Gymnastik halten
Am Waschbrettbauch der großgewachsenen Blondine könnte man sich, so scheint es, die Finger verstauchen. Aber die haben an den abdominalen Muskelpflastersteinen von Tine Lindemann ohnehin nichts verloren. Und überhaupt: Das "Sixpack" der 29-Jährigen mit den männertreublauen Augen ist nicht wie bei Schönling Brad Pitt nur Putz und Protz, sondern Überlebenswerkzeug. Tine ist Handballtorfrau und wirft ihre strammen 1,89 Meter routinemäßig in die Bahn kanonenkugelschneller Ledergeschosse. Ohne Panzer über dem Solarplexus wäre das wie Säbelfechten ohne Maske und Polster.
Aber Fitness ist für die 123-fache Nationalspielerin nicht nur Survival-Training. "Sport ist ganz wichtig für die Ausgeglichenheit", sagt die studierte Sport-Managerin. "Wenn ich drei Tage lang keine Bewegung kriege, werde ich nervös, und mir zwickt es überall."
Doch solche Zeiten ohne Körperertüchtigung dürften bei Tine Lindemann eher die Ausnahme sein. Schließlich trainiert sie jede Woche siebenmal Handball beim dänischen Verein Randers HK und macht zweimal Bodybuilding, dazu kommt ein Spiel. Dafür gehen insgesamt etwa 20 Stunden drauf - die rund 80 Tage, die sie pro Jahr im Trainingslager verbringt, nicht eingerechnet. Wenn auch das nicht reicht, schwingt sich Tine aufs Rennrad oder spielt Beachhandball.
Obwohl Gymnastik keine Muskeln bringt, ist sie für die Torfrau, deren Körper das Adjektiv "gestählt" sehr lebendig demonstriert, ganz wichtig. "Ich mache ganz viel davon - zum Aufwärmen und um Reflexe und Beweglichkeit zu erhalten." Gutes Aussehen ist ein weiterer willkommener Effekt. Am wichtigsten ist jedoch: "Bewegung ist für mich Lebensfreude!" Die schwarzblau verfärbten Augen und Gehirnerschütterungen, die geprellten und verdrehten Finger, die zum Sportleralltag gehören, stören nur vorübergehend.
Wie schade wäre es gewesen, wenn Tine auf ihre Mutter gehört hätte - als sie mit zehn Jahren im heimatlichen Münster anfing, Handball zu spielen, hatte ihr die Mama eingeschärft: "Geh um Gottes willen nie ins Tor!"
Profi-Betreuer Peter Heckert über den Nutzen der stern-Übungen
Was wir hier machen, ist einmal quer durchs gymnastische Gemüsebeet!" Für Peter Heckert liegt die Würze in der Simplizität. Warum Tine Lindemann extrem komplizierte Übungen vorführen lassen, die kein stern-Leser nachturnen kann? Der 38-jährige Physiotherapeut der deutschen Kunstturn-Nationalmannschaft: "Die Übungen sind für jeden gut, der viel am Schreibtisch, Bildschirm oder Steuer hockt. Sie sind für jedes Alter geeignet und kosten nur zehn Minuten täglich. Obwohl der Morgen ein idealer Zeitpunkt wäre, sollte sie jeder machen, wann er Lust hat. Wichtig ist allein, dass man sie überhaupt ausführt!"
Ziel der zehn Übungen ist "relative Stabilisation mit gezielter Mobilisation". Auf Deutsch: Sie sollen die Zivilisationsfehlhaltungen bekämpfen - Bürobuckel und eingefallene Brustkörbe. Die Muskulatur wird aufgeweckt und gestrafft und kann so die Gelenke stabilisieren. Nur wenn die Muskelpakete nicht mangels Nutzung dahingeschwunden sind, können die Gelenke "schöne korrekte Roll-Gleit-Bewegungen" vollführen.
Heckert, seit 18 Jahren als Masseur und Sportphysiotherapeut tätig und seit zehn Jahren am Olympia-Stützpunkt Frankfurt beschäftigt: "Knorpel, die durch Fehlbelastung abgenutzt sind, kommen nie wieder."
"Easy does it" ist deshalb das Motto - langsam anfangen und sich nicht entmutigen lassen. "Die Übungen fallen mit der Zeit immer leichter", sagt Heckert. Anfangs haben die meisten einfach nicht genug Kraft. Aber die kommt mit der Zeit."
Selbst Tine Lindemann geriet beim Liegestütz auf den Unterarmen und beim Beinheben in der Seitlage ein wenig aus der Puste. Aber nur, weil Fotografin Birgit Klemt sie jede Übung lange halten und dutzende Male wiederholen ließ.
Quelle: Stern Nr. 13 vom 23.03.2000